Opa Jörg, Finn und die Müll-Piraten


Der Wind stand günstig und trug den salzigen Geruch der Ostsee zu Opa Jörg hinauf, der auf seinem Lieblingsfelsen an der Steilküste stand. Sein wettergegerbtes Gesicht lächelte, als er die knallrote Trillerpfeife an seine Lippen setzte. Ein schriller, fröhlicher Pfiff schnitt durch das Kreischen der Möwen.
Es dauerte nur einen Moment, da durchschnitt eine mächtige, dunkle Silhouette die glatte Wasseroberfläche. Finn, der Finnwal, tauchte auf und begrüßte seinen Freund mit einer Fontäne, die in der tiefstehenden Sonne kleine Regenbogen bildete. „Na, mein Alter“, murmelte Opa Jörg und kraulte die breite Stirn des Wals, „heute riecht die See nicht nur nach Salz und Tang, sondern auch nach Ärger.“
Seine Nase hatte sich nicht getäuscht. Auf ihrem gemütlichen Ausflug Richtung Horizont stießen sie auf einen rostigen, heruntergekommenen Kahn, der verdächtig tief im Wasser lag. Von Bord warf eine Gruppe ungepflegter Männer in schmutzigen Overalls massenweise Säcke und Fässer über die Reling. Mit einem entsetzten Blick erkannte Opa Jörg, dass es sich um Plastikmüll handelte – Berge von Flaschen, Netzen und unkenntlichem Unrat.
„He, ihr Landratten!“, brüllte Opa Jörg, seine Stimme vom Wind davongetragen. „Was fällt euch ein? Das ist doch kein Müllkippenplatz!“
Einer der Männer, mit einer schmuddeligen Kapitänsmütze, lachte höhnisch. „Kümmert euch um euren eigenen Dreck, Opa! Das hier ist billig und geht keinen was an!“
Die Wut kochte in Opa Jörg hoch. Aber Wut allein half hier nicht. Er brauchte eine List. Er flüsterte Finn ins Ohr: „Alter Freund, wir müssen sie aufhalten. Aber nicht mit Gewalt. Wir müssen sie dorthin zurückbringen, wo sie hergekommen sind.“
Ein verständnisvolles Gluckern war die Antwort. Finn tauchte ab. Die Müll-Piraten amüsierten sich weiter über den „verrückten Alten mit seinem Fisch“. Doch ihr Lachen erstarb, als sich das Wasser um ihren Kahn herum zu kräuseln begann. Eine sanfte, aber unaufhaltsame Strömung packte das Schiff und begann es zu drehen. Finn, der riesige Wal, schwamm unter Wasser langsame, gewaltige Kreise und erzeugte so einen immer stärker werdenden Strudel.
Der Kahn drehte sich wie ein Spielzeug im Wirbel. Die Männer krallten sich an der Reling fest, ihre Müllsäcke rutschten über das Deck. Sie versuchten, den Motor anzuwerfen, doch gegen die Kraft des Wals kam er nicht an.
„Lenk ihn, Finn!“, rief Opa Jörg und zeigte mit dem Arm in Richtung des nahegelegenen Hafens. „Treib sie nach Hause!“
Wie ein riesiger, sanfter Schäferhund trieb Finn das schlingernde Schiff vor sich her. Er schwamm langsam, aber bestimmt, direkt auf die Hafeneinfahrt zu. Opa Jörg saß auf seinem Rücken, die rote Trillerpfeife im Mund, und pfiff schrill und triumphierend, als wären sie eine siegreiche Marineflotte.
Die Menschen am Hafen staunten nicht schlecht, als sie den herannahenden Tross sahen: einen riesigen Wal, der ein schäbiges Schiff wie eine schwimmende Mülltonne vor sich hertrieb, und darauf einen alten Mann, der wie ein Kapitän aussah, der die Natur selbst befehligte.
Als der Kahn am Anleger festgebunden war und die bleichen, seekranken Müll-Piraten taumelnd von Bord stolperten, erwartete sie bereits die Polizei. Ein Fischer hatte sie alarmiert, nachdem er die ganze Szene von Weitem beobachtet hatte.
„Das sind sie!“, rief Opa Jörg und zeigte auf die Säcke, die noch an Deck lagen. „Die wollten unsere Ostsee mit ihrem Dreck zukleistern!“
Die Polizisten nahmen die Männer fest. Der „Kapitän“ warf Opa Jörg einen wütenden Blick zu, der aber sofort in Ehrfurcht umschlug, als Finn direkt neben der Mole auftauchte und einen sanften, zustimmenden Pfiff aus seinem Blasloch ließ.
Später, als die Sterne über der Ostsee funkelten, schwamm Finn ruhig in der Bucht. Opa Jörg saß am Ufer und lächelte. „Heute war ein guter Tag, Finn“, sagte er leise. „Heute haben wir nicht nur ein Abenteuer erlebt, sondern unser Zuhause ein bisschen sauberer gemacht.“ Ein glucksendes Geräusch aus den Tiefen war die beste Antwort, die er sich vorstellen konnte.

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