An der Steilküste der Ostsee, wo das Kreidegestein weiß in der Sonne leuchtete und die Möwen wie kreischende Segler am Himmel stand, pfiff es. Es war kein gewöhnlicher Pfiff, sondern ein schriller, fröhlicher Triller, der von einer alten, knallroten Trillerpfeife kam. Opa Jörg stand dort in seiner wettergegerbenen Jacke, die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen, und blickte auf das türkisfarbene Wasser.
Einmal, zweimal pustete er in die Pfeife. Dann, nach einem Moment der Stille, brach die Wasseroberfläche auf. Ein gewaltiger, glatter Kopf mit einem freundlichen Auge tauchte auf und spuckte eine Fontäne aus Wasser und Luft. Es war Finn, der Finnwal. Sein Lachen klang wie ein tiefes, glucksendes Rumpeln.
„Na, alter Freund“, rief Opa Jörg, „die Ostsee ruft! Komm, wir machen eine kleine Tour.“ Finn schwamm näher und ließ sich von Opa Jörg ein Stück getrockneten Seetang wie einen Leckerbissen auf die Zunge legen.
Sie waren noch nicht lange unterwegs, als Finn unruhig wurde. Er gab seltsame, klickende Laute von sich und zeigte mit seiner Schnauze in Richtung einer versteckten Bucht, die von Felsen gesäumt war. Opa Jörg spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. „Was ist, Finn? Zeig’s mir.“
Vorsichtig manövrierte der große Wal zwischen die Felsen. Und da sahen sie es: Ein rostiges, schäbiges Schiff, mehr ein Kahn als ein Boot, lag vor Anker. Neben ihm, an einer kurzen Kette um die Schwanzflosse gefesselt, zitterte ein junger Delfin. Seine verspielten Sprünge waren ihm vergangen, stattdessen schlug er verzweifelt mit der Flosse auf die Wasseroberfläche.
Auf dem Schiff lungerten drei Männer herum, die aussahen, als hätte das Meer sie ausgespuckt. Sie hatten schmutzige Tücher um den Kopf gebunden und eine Augenklappe gehörte bei zweien offenbar zur Standardausrüstung. „Na warte, du störrisches Ding“, brummte der Größte von ihnen, „du tauchst für uns nach dem Schatz der ‚Gelben Möwe‘, ob du willst oder nicht!“
Opa Jörgs Gesicht lief rot an vor Zorn. „Piraten!“, fauchte er leise. „Und in meiner Ostsee!“ Er wusste, er konnte nicht gegen sie kämpfen. Aber er hatte Finn.
Ein Plan reifte in seinem Kopf. Er flüsterte Finn etwas ins Ohr, und der Wal verstand sofort. Mit einem gewaltigen Schlag seiner Fluke tauchte er ab und verschwand in den tiefen, dunklen Wassern der Bucht.
Die Piraten bemerkten die plötzliche Stille und sahen sich um. „Wo ist der große Fisch hin?“, fragte einer nervös.
Dann passierte es. Direkt unter ihrem Kahn begann das Wasser zu brodeln. Eine gewaltige Kraft hob das Boot an und ließ es heftig schlingern. Finn tauchte mit solcher Wucht auf, dass eine Welle über das Deck schwappte und die Piraten wie Bowlingkegel umwarf. Einer landete im Wasser, die anderen beiden klammerten sich schreiend an die Reling.
In dem Chaos zog Opa Jörg sein Schweizer Taschenmesser heraus, das er immer für Notfälle dabeihatte. Während Finn die Piraten beschäftigte, indem er ihren Kahn immer wieder sanft anschiebte, schwamm Opa Jörg zu dem gefangenen Delfin. „Keine Angst, Kleiner, ich schneide dich los“, beruhigte er ihn mit rauer Stimme. Mit ein paar kräftigen Sägen durchtrennte er das schmutzige Seil.
Frei! Der Delfin quietschte vor Freude und stupste Opa Jörg sanft mit seiner Schnauze. Dann, als er die verwirrten und nun seekranken Piraten sah, bekam er einen verschmitzten Funken in den Augen. Er schwamm ein paar Runden um das Boot, wurde schneller und schneller, bis sich ein kleiner Strudel bildete, der den Kahn immer wieder drehte und wirbelte. Die Piraten wurden so grün im Gesicht, dass sie sich nur noch ergeben auf den Boden warfen und um Gnade winselten.
Opa Jörg pfiff schrill durch seine rote Trillerpfeife. „Das reicht, Freunde!“ Der Delfin hörte auf und Finn stoppte sein Schubsen. Gemeinsam, der alte Mann auf dem Rücken des Wals und der befreite Delfin an ihrer Seite, verließen sie die Bucht. Sie hinterließen die Piraten, die damit beschäftigt waren, ihre Würde – und ihr Frühstück – wiederzufinden.
Später, am Abend, als die Sonne wie eine glühende Orange im Meer versank, sprangen Finn und der Delfin, den Opa Jörg „Sprung“ getauft hatte, in einem fröhlichen Ballett durch die Wellen. Opa Jörg lächelte. Die Ostsee war wieder in Ordnung. Und er wusste, dass er mit Finn an seiner Seite jedes Abenteuer bestehen würde.