Prinzessin Sabine hasste es, eine Prinzessin zu sein. Während ihre Schwestern an Stickereien und Hofzeremonien Gefallen fanden, träumte Sabine von Abenteuern. Doch eine Sache bereitete ihr seit jeher großes Unbehagen: das Wasser. Sie konnte nicht schwimmen.
Eines Tages, während eines Ausritts am Rande des Königreichs, hörte Sabine ein leises Wimmern. Sie folgte dem Geräusch und fand ein junges Einhorn mit einem verletzten Bein, gefangen in einem Dornengestrüpp. Ohne zu zögern, befreite sie das Tier und verband seine Wunde. Aus Dankberkeit neigte das Einhorn seinen Kopf und flüsterte: „Prinzessin Sabine, eine Gefahr zieht auf. Ein böser Drache plant, euer Königreich zu überfallen. Sein Name ist Ignis und er fürchtet nur eines: Wasser.“
Sabine wusste, was zu tun war. Wenn sie ihr Königreich retten wollte, musste sie ihre Angst überwinden und schwimmen lernen. Doch wo konnte sie das tun, ohne dass jemand im Königreich es erfuhr? Das Einhorn führte sie zu einem versteckten Pfad tief in den verbotenen Wäldern.
Nach stundenlangem Ritt erreichten sie eine schroffe Bergklippe. Hinter einem Wasserfall verbarg sich der Eingang zu einer Höhle. „Dort liegt Ignis‘ Reich“, erklärte das Einhorn. „In seiner Höhle befindet sich ein magischer Pool, dessen Wasser heilende Kräfte besitzt. Es ist der einzige Ort, an dem du in Sicherheit schwimmen lernen kannst, denn der Drache hält sich derzeit in fernen Ländern auf.“
Mutig betrat Sabine die Höhle. In der Mitte thronte ein glasklarer Pool, dessen Wasser in allen erdenklichen Blau- und Türkistönen schimmerte. An den Wänden reflektierten unzählige Edelsteine das Licht und warfen funkelnde Muster auf die Wasseroberfläche.
Sabine tahte einen Zeh ins Wasser. Es fühlte sich seltsam lebendig an, als ob es sie sanft willkommen hieß. Sie watete langsam hinein, als plötzlich eine donnernde Stimme durch die Höhle hallte: „Wer wagt es, meinen Pool zu entweihen?“
Sabine erstarrte. Vor ihr erhob sich eine gewaltige schuppige Gestalt. Ignis, der Drache, war früher zurückgekehrt als erwartet. Seine Augen glühten wie glühende Kohlen.
„Ich… ich möchte nur schwimmen lernen“, stammelte Sabine, „um mein Königreich zu beschützen.“
Der Drache lachte hämisch. „Vor mir beschützen? Wie amüsant!“ Doch dann musterte er die zitternde Prinzessin genauer. „Warum hast du Angst vor dem Wasser?“
Sabine erzählte ihm von einem schlimmen Erlebnis in ihrer Kindheit, als sie beinahe in einem See ertrunken wäre. Zu ihrer Überraschung nickte der Drache verständnisvoll.
„Wasser ist auch meine größte Schwäche“, gestand er unerwartet. „Drachen fürchten nichts mehr als Nässe.“ Dann fügte er nachdenklich hinzu: „Ich werde dich lehren, deine Angst zu überwinden, unter einer Bedingung: Du erzählst niemandem von meiner Schwäche.“
So begann eine ungewöhnliche Freundschaft. Jeden Tag schlich Sabine sich in die Drachenhöhle, wo Ignis ihr geduldig das Schwimmen beibrachte. Sie lernte, dass der Drache gar nicht wirklich böse war, sondern nur einsam und missverstanden. Die Geschichten über seine Bösartigkeit hatten sich die Menschen ausgedacht, weil sie sich vor dem Unbekannten fürchteten.
Wochen vergingen. Sabine entwickelte sich zu einer hervorragenden Schwimmerin. Sie tauchte nach den funkelnden Steinen am Grund des Pools und plantschte mit dem Drachen, der vorsichtig mit seinen Krallen umging.
Eines Tages hörten sie laute Rufe vor der Höhle. Ein Trupp Ritter war gekommen, um die „entführte“ Prinzessin zu retten. Sabine eilte nach draußen und sah ihren Vater, den König, an der Spitze der Männer stehen.
„Vater, stopp!“, rief sie. „Ignis ist nicht böse!“
Doch der König hörte nicht zu. „Tötet das Untier!“, befahl er.
In diesem Moment geschah etwas Unglaubliches. Sabine warf sich mutig zwischen die Ritter und den Drachen. „Wenn ihr ihn verletzt, müsst ihr zuerst mich verletzen!“
Verblüfft senkten die Ritter ihre Schwerter. In der allgemeinen Verwirrung bemerkte niemand, dass sich ein hinterhältiger Ritter an Sabine heranschlich und sie ins Wasser stieß. Ein lautes Kreischen ertönte – nicht von Sabine, sondern von Ignis.
Mit einem gewaltigen Satz sprang der Drache in den Pool und zog Sabine sicher ans Ufer. Sein Körper dampfte und zischte, wo das Wasser seine Schuppen berührte, aber er kümmerte sich nicht darum.
Alle starrten den Drachen ungläubig an. Niemand hatte je gehört, dass ein Drache freiwillig ins Wasser ging.
„Du hast deine größte Angst überwunden, um mich zu retten“, flüsterte Sabine gerührt.
Ignis neigte seinen Kopf. „Manchmal muss man das fürchten, was man liebt.“
Diese Geste der Aufopferung überzeugte den König. Anstatt den Drachen zu bekämpfen, schloss er Frieden mit ihm. Ignis wurde zum Beschützer des Königreichs ernannt und Sabine durfte offiziell Schwimmunterricht in seinem Pool nehmen.
Mit der Zeit wurde der Drachenpool zum beliebtesten Ort im Königreich. Sabine unterrichtete alle Kinder im Schwimmen, und Ignis genoss die Gesellschaft, die er so lange vermisst hatte. Die Prinzessin, die im Pool eines angeblichen Bösewichts schwimmen lernte, brachte ihrem Volk bei, dass wahre Stärke nicht darin liegt, seine Ängste zu verstecken, sondern sie zu überwinden – und manchmal findet man in den unerwartetsten Orten die besten Freunde.