Schon immer mal wollte Miro mit seinem Opa Jörg und seinem Freund, dem Finwal Fin, ein Abenteuer erleben. An diesem trüben Vormittag stand Opa Jörg mit seinem Enkel Miro vor dem gewaltigen runden Bau des Panometers. Es sah aus wie ein riesiges aufgeschnittenes Fass.
„Heute“, sagte Opa Jörg geheimnisvoll, „reisen wir nicht allein.“
Er zwinkerte und zog Miro ins Innere. Oben auf der Aussichtsplattform blieben sie stehen, und Miro stockte der Atem. Unter ihnen erstreckte sich die Antarktis – nicht in echt, aber so lebensecht, dass sie meinte, den eisigen Wind zu spüren. Der Künstler Yadegar Asisi hatte einen Berg aus Eis und Licht erschaffen. Riesige Gletscher kalbten ins Meer, Kolonien von Pinguinen drängten sich auf vereisten Küsten, und über allem lag ein unwirkliches Blau.
„Gleich kommt er“, flüsterte Opa Jörg und stupste Miro an. „Ich hab ihm eine Nachricht geschickt.“
Miro runzelte die Stirn. „Wem?“
Da war ein leises, tiefes Summen zu hören, das nicht von den Lautsprechern kam. Es schien direkt aus dem Bild herauszuwachsen. Das Licht in der Kuppel schien sich zu neigen, und plötzlich bewegte sich der Schatten eines riesigen Wals über den Eisberg im Panorama.
„Fin!“, rief Opa Jörg.
Und dort, als würde er durch eine unsichtbare Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit gleiten, tauchte der Finnwal auf. Er war so gewaltig, dass er bequem neben dem ausgestellten Walknochen im Foyer hätte schwimmen können, und doch glitt er so sanft durch die Luft über dem Eispanorama, dass keine Pinguin sich umdrehte. Seine Haut glänzte wie schwarzer Lack, und die weiße Unterseite schimmerte wie Perlmutt.
„Miro“, sagte Opa Jörg mit einer Stimme, die plötzlich nach Abenteuer und Salz roch, „das ist Fin. Mein Freund. Wir kennen uns schon lange und haben schon viele Abenteuer erlebt. Er hat mir versprochen, mich eines Tages mitzunehmen und mir seine Heimat zu zeigen. Und heute ist es so weit.“
Fin schloss ein Auge, das so groß war wie eine Suppenschüssel, und Miro sah darin das gesamte Blau des Himmels gespiegelt. „Komm“, sagte der Wal. Nicht mit Worten, aber Miro verstand ihn doch. Opa Jörg nahm ihre Hand, sie stiegen auf Fins breiten Rücken, und dann tauchten sie hinein – in das Bild.





„Siehst du das?“, fragte er, und Miro sah, wie das Sonnenlicht das Eis in tausend Farben zerlegte. „Blau wie die Erinnerung, Weiß wie die Stille. Hier ist alles im Gleichgewicht. Das Krill unter dem Eis, die Pinguine, meine Familie.“
Sie schwammen in eine Bucht, die voller Finnwale war. Sie tauchten, bliesen Fontänen in den Himmel und lagen friedlich an der Oberfläche. Fin glitt in ihre Mitte und stellte Miro und Opa Jörg stolz vor.
„Früher“, sagte Fin, und seine Stimme wurde tiefer, als würde er ein Lied aus alter Zeit singen, „war diese Bucht voller Stimmen. Meine Urgroßmutter erzählte von Zeiten, in denen das Echo unserer Lieder stundenlang unter dem Eis widerhallte.“
Die Kälte war nicht schmerzhaft, sondern klar wie ein Glas Wasser. Sie glitten über das Ross-Schelfeis, vorbei an Buckelwalen, die mit ihren Brustflossen aufs Wasser klatschten, und an Robben, die sich auf Eisschollen räkelten. Fin zeigte ihnen die Schönheit seiner Heimat.
Dann schwammen sie weiter, zu einer anderen Stelle. Dort war das Wasser ruhiger. Fin blieb neben einem großen, verwitterten Steinhaufen stehen, der wie ein Grabmal aussah.
„Hier“, sagte er, „hier haben sie gejagt.“
Miro sah, wie das Bild unter Wasser sich veränderte. Er sah riesige Schiffe, harpunenbewehrte Boote, die wie stählerne Ungeheuer aussahen. Er⁸ sah Männer in dicken Mänteln, die auf schwimmenden Fabriken die gewaltigen Körper ihrer Freunde zerschnitten.
„Tausende“, flüsterte Fin. „Meine Freunde. Meine Urgroßmutter. Sie wurden nicht mehr als … als Rohmaterial gesehen. Sie kochten uns in riesigen Kesseln zu Waltran. Für Lampenöl, für Margarine, für alles Mögliche.“ Er schwieg einen Moment. „Die Bucht, in der wir gerade friedlich schwammen, war ein Schlachthof.“
Opa Jörg kniete sich auf Fins Rücken und legte die Hand auf die raue Haut. „Das war die Zeit der Walfänger“, sagte er leise zu Miro. „Sie wussten es nicht besser. Oder sie wollten es nicht wissen. Fast hätten sie den Finnwal ausgelöscht.“
„Aber nicht alle Menschen waren so“, sagte Fin. Er wandte seinen großen Kopf und blickte Miro an. „Es kamen Forscher, die unsere Lieder aufzeichneten. Es kamen junge Leute wie dein Opa, die uns zählten und beschützten. Sie haben gekämpft, bis die Jagd verboten wurde.“
Er bewegte sich wieder, langsam, und sie verließen den stillen Ort. Sie kamen zurück zum glitzernden Eis, zu den Pinguinkolonien und spielenden Robben.
„Meine Heimat ist nicht nur das Eis“, sagte Fin. „Meine Heimat ist auch die Erinnerung an das, was war. Nur wenn man weiß, wie still es hier einmal wurde, kann man verstehen, wie kostbar jedes Lied ist, das heute wieder erklingt.“
Miro hörte hin. Unter dem Wasser, weit weg, war ein tiefes, vibrierendes Summen zu hören. Es waren die Wale. Sie sangen.
—
Als sie zurück im Panometer waren, standen sie wieder auf der Plattform. Miro blickte auf das stille, majestätische Panorama hinab. Jetzt sah er mehr. Sie sah nicht nur das Eis und die Tiere. Er sah eine Welt, die fast verloren gegangen war und zurückgeholt wurde.
Fin war verschwunden. Nur im Licht der Kuppel glaubte Miro noch kurz einen Schatten zu sehen, der zwischen den Eisbergen verschwand.
Opa Jörg setzte seine Schirmmütze gerade. „Weißt du“, sagte er, „Asisi hat das hier nicht nur gemalt, um etwas Schönes zu zeigen. Er hat es gemalt, damit wir hinsehen. Wirklich hinsehen. Auf das Wunder und auf die Wunde.“
Miro nickte. Er schaute noch lange auf die stille Szenerie aus Eis, Licht und Wasser.
„Opa?“, fragte er dann. „Können wir nächstes Mal mit Fin zu den Korallenriffen reisen?“




Wollt ihr auch mal in die Heimat der Wale, Robben und Pinguine eintauchen und viel Wissenswertes über die Antarktis erfahren, dann besucht doch einfach mal das Panometer in Leipzig.
Hier noch ein kleiner Film darüber, wie das Panoramabild von Yadegar Asisi entstanden ist wie er selbst in die Arktis gereist ist und diesen Ort lieben gelernt hat. Für mich war seine Erkenntnis das Beeindruckendste: „Wir gehören hier nicht hin!“ Er meinte uns Menschen. Und er hat Recht.