Mit Herrn Vogel im Stadtpark

Die Vorfreude in der ersten Klasse der Grundschule “Auenweg” war riesig. Seit Wochen behandelten sie im Sachunterricht das Thema „Der Frühling“, und nun stand der lang ersehnte Ausflug bevor. Frau Schmidt, ihre Klassenlehrerin, hatte einen ganz besonderen Gast eingeladen: Herrn Vogel, einen Ornithologen, also einen Vogelexperten. Ziel war der Stadtpark, um dort die Vögel im Frühling zu beobachten und kennenzulernen.

„Habt ihr eure Ferngläser nicht vergessen?“, fragte Frau Schmidt, während sich die 18 Kinder mit ihren gelben Warnwesten und gut gefüllten Brotdosen im Klassenraum sammelten. Leon hatte sein rotes Fernglas schon um den Hals hängen, und Emilia tippte aufgeregt auf ihre Tasche, in der sie ein Vogelbestimmungsbuch verstaut hatte.

Pünktlich um 9 Uhr traf Herr Vogel ein. Er war ein älterer Herr mit einem grauen Bart und einer grünen Weste mit vielen Taschen. In einer Hand trug er ein langes, schwarzes Rohr – ein Spektiv – in der anderen einen großen Korb.
„Guten Morgen, ihr jungen Naturforscher!“, rief er fröhlich. „Seid ihr bereit, in die Welt der gefiederten Sänger einzutauchen?“

„Jaaa!“, schallte es zurück.

Auf dem Weg in den Stadtpark erzählte Herr Vogel von einem großen Abenteuer. „Wisst ihr, was Zugvögel sind?“, fragte er.
Pauls Hand schoss sofort in die Höhe. „Das sind Vögel, die im Winter in den Süden fliegen, weil es hier zu kalt ist und sie kein Futter finden!“
„Ganz genau!“, lobte Herr Vogel. „Und jetzt, im Frühling, kehren sie zurück. Sie haben eine weite Reise hinter sich, manchmal Tausende von Kilometern, um hier ihre Jungen aufzuziehen.“

Am Waldrand des Parks angekommen, blieb die Gruppe stehen. Herr Vogel stellte das Spektiv auf und bat alle, ganz leise zu sein. „Haltet mal eure Ohren ganz weit auf“, flüsterte er. „Was hört ihr?“

Zuerst war nur das Rauschen des Windes zu hören. Doch dann – ein schriller, fröhlicher Laut: „Tschilp, tschilp, tschilp!“
„Das ist eine Amsel“, erklärte Herr Vogel leise. „Sie singt oft von ganz oben auf einem Baum. Ihr Lied klingt ein bisschen traurig und doch so schön.“

Die Kinder lauschten gespannt. Dann ertönte ein anderes Geräusch: „Zizizizizizi – Tätätätä!“
„Das ist eine Blaumeise!“, flüsterte Herr Vogel aufgeregt. „Sie sagt oft so etwas wie ‚Ziziwech‘ oder macht einen Räuber-Ton. Könnt ihr das nachmachen?“

Die Kinder versuchten es leise, und es war, als würde der Wald plötzlich antworten. Ein Vogel zwitscherte zurück, und die Kinder kicherten leise vor Freude.

Weiter ging es auf einem schmalen Weg entlang einer großen Wiese. Hier machte Herr Vogel Halt und zeigte auf einen hohen Baum, in dessen Krone ein lautes „Klipp-klapp, klipp-klapp!“ zu hören war.
„Das ist ein Klappergeräusch“, sagte Herr Vogel. „Schaut genau hin!“

Emilia, die durch ihr Bestimmungsbuch blätterte, rief plötzlich: „Ist das ein Storch? Aber der ist doch ganz klein!“
Herr Vogel lachte leise. „Gut aufgepasst, Emilia! Das ist kein Storch, das ist ein Star. Er ist ein Zugvogel, der gerade erst aus Südeuropa zurückgekommen ist. Er ist ein begnadeter Nachahmer. Er kann nicht nur klappern, er ahmt auch andere Vögel oder sogar Handyklingeltöne nach!“

Die Kinder staunten. Plötzlich entdeckte Leon mit seinem Fernglas einen Vogel auf der Wiese. „Da! Der hat einen so komisch wippenden Schwanz!“
Herr Vogel nickte. „Ein hervorragender Fund! Das ist eine Bachstelze. Sie ist auch ein Zugvogel und ein Fluginsektenspezialist. Seht ihr, wie sie elegant über die Wiese läuft?“

Herr Vogel holte aus seinem Korb kleine Tüten mit Vogelfutter und lud die Kinder ein, ein paar Meisenknödel in die Büsche zu hängen. „So helfen wir den Vögeln, die hier bleiben, und auch denen, die gerade von ihrer langen Reise erschöpft sind“, erklärte er. Das sei, so ergänzte Frau Schmidt, auch ein Teil des Lehrplans: Verantwortung für die Natur zu übernehmen.

An einem kleinen Teich machten sie eine Pause. Während die Kinder ihre Butterbrote aßen, holte Herr Vogel eine überraschende Sache aus seinem Korb: eine Kuckucksuhr! Er zog an der Kette, und „Kuckuck, Kuckuck!“ ertönte es laut.
„Das ist unser berühmtester Zugvogel“, sagte er. „Er kommt im April aus Afrika zurück. Aber hört mal – wenn ihr den echten Kuckuck hört, dann ruft er immer seinen Namen. Oft hört man ihn weit weg. Wenn ihr ihn einmal seht, achtet auf seinen langen Schwanz!“

Nach der Pause spielten die Kinder ein Spiel. Herr Vogel machte mit seinem Handy verschiedene Vogelstimmen an, und die Kinder mussten erraten, welcher Vogel es war. Sie erkannten den Buchfink mit seinem absteigenden „Ziiih, ziiih, ziiih“, die Mönchsgrasmücke, die wie in einer Arie sang, und den Haussperling, der einfach nur fröhlich „Tschilp“ machte.

Zum Abschluss setzten sich alle auf eine große Decke. Jedes Kind bekam einen kleinen Bogen Papier mit den Umrissen von vier Vögeln, die sie heute gehört hatten: Amsel, Kohlmeise, Star und Kuckuck.
„Jetzt malt die Vögel so an, wie ihr sie in der Natur gesehen habt“, bat Frau Schmidt. Während die Kinder malten, zwitscherte es weiter im Park.

Leon malte den Star mit gelbem Schnabel und weißen Tupfen, Paul malte die Amsel ganz schwarz mit gelbem Schnabel, und Emilia malte einen kleinen, gelb-schwarzen Vogel – die Kohlmeise – die auf ihrem Ast saß und „Ziziwech!“ sang.

Als die Schule am Nachmittag wieder losging, waren alle Kinder müde, aber glücklich. Sie hatten nicht nur etwas über Zugvögel wie den Star, die Bachstelze und den Kuckuck gelernt, sondern konnten nun auch die Stimmen der heimischen Singvögel unterscheiden. Sie hatten erlebt, wie der Frühling nicht nur eine Jahreszeit ist, die man im Lehrbuch liest, sondern ein großes, buntes Konzert, das jeden Tag aufs Neue im Stadtpark stattfindet.

Herr Vogel winkte ihnen nach. „Vergesst nicht: Haltet die Ohren offen!“, rief er. „Und wenn ihr nächstes Jahr im April den Kuckuck ruft, dann wisst ihr: Er ist wieder da. Ihr seid ja jetzt wahre Vogelexperten!“

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Über Jörg Winkler 51 Artikel
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