Mit Oma und Opa im Vogelschutzgebiet Eschefelder Teiche bei Frohburg

Lina und Felix konnten es kaum erwarten. Schon seit einer Woche stand der große Ausflug mit Oma und Opa im Kalender – ein Ausflug ins Vogelschutzgebiet Eschefelder Teiche bei Frohburg, gleich hier in der Nähe zwischen Chemnitz und Leipzig.

„Seid ihr bereit für die Zugvogel-Party?“, rief Opa, als er den Wagen vorfuhr. Er hatte sein Fernglas um den Hals hängen und ein dickes Buch mit Vogelbildern auf dem Rücksitz.

„Party?“, fragte Felix kichernd. „Feiern die Vögel etwa?“

„Aber ja!“, sagte Oma, die mit einer großen Tasse Tee und einem Keksdosen-Koffer aus dem Haus kam. „Sie kommen nach einem langen Flug aus dem warmen Süden zurück nach Hause. Das ist für uns doch ein Grund zum Feiern!“

Los ging die Fahrt. Kurz hinter Leipzig wurden die Straßen kleiner und die Felder breiter. Als sie ausstiegen, war die Luft klar und frisch. Über den stillen Seen und den hohen, alten Bäumen hing ein besonderer Klang in der Luft – ein Rufen und Rauschen, als ob tausend Stimmen durcheinanderredeten.

„Psst“, machte Opa und legte den Finger auf die Lippen. „Hört nur!“

Lina und Felix hielten den Atem an. Da erklang ein helles, lautes Kurrrrriiih! Es klang wie ein silbernes Trompeten-Stück.

„Das sind die Kraniche“, flüsterte Opa ehrfürchtig. „Seht ihr sie dort oben?“

Am Himmel zogen in einem riesigen, wackligen Keil große Vögel dahin. Ihre Beine hingen lang hinter ihnen heraus, und ihre Flügel schlugen langsam und mächtig.

„Warum fliegen sie im Keil?“, fragte Lina.

„Das ist ihr Geheimnis für die lange Reise“, erklärte Opa. „Der vorderste Vogel schneidet die Luft durch. Die hinteren haben es leichter und müssen weniger Kraft aufwenden. Sie wechseln sich immer ab, damit keiner zu müde wird. Gemeinsam sind sie stark – genau wie eine Familie.“

Sie folgten einem schmalen Weg zwischen Schilf und Weiden. Plötzlich blieb Oma stehen und zeigte auf eine große, knorrige Eiche am Rand einer Wiese. Oben auf dem Gipfel thronte ein riesiges Nest aus Ästen und Zweigen.

„Ein Klapperstorch!“, rief Felix.

Tatsächlich stand ein weißer Vogel mit langen roten Beinen darin und klapperte mit seinem Schnabel, dass es laut durch die Gegend schallte.

„Der ist auch gerade erst aus Afrika zurück“, sagte Opa. „Weißt du, Felix, Störche haben eine ganz besondere Reise hinter sich. Sie sind über die Straße von Gibraltar geflogen, die Meerenge zwischen Spanien und Afrika. Tausende Kilometer! Und sie finden jedes Jahr wieder genau in dieses Nest zurück.“

„In dieses Nest?“, fragte Lina ungläubig.

„Ja“, nickte Opa. „Sie richten es im Frühjahr ein bisschen neu her, aber es ist ihr Zuhause. Manchmal benutzen sie es über zwanzig Jahre lang.“

Weiter ging es zum See. Hier wurde es richtig laut. Ein wildes Schnattern und Trompeten erfüllte die Luft.

„Die Graugänse!“, sagte Opa und reichte den Kindern sein Fernglas. Auf dem Wasser schwammen unzählige graubraune Vögel. Am Ufer standen wachsame Männchen mit erhobenem Hals, die nach Gefahren Ausschau hielten.

„Gänse sind unglaublich treu“, erzählte Opa. „Sie bleiben ihr ganzes Leben lang mit demselben Partner zusammen. Und wenn sie brüten, dann verteidigt der Gänsevater die Familie so mutig, dass er sogar einen Fuchs vertreiben kann.“

Felix staunte. „Stärker als ein Fuchs?“

„Wenn es um seine Familie geht, ist er stärker, ja.“

Plötzlich ertönte ein lautes, melodisches Rufen. Oma grinste. „Jetzt seid mal ganz still. Das ist etwas ganz Besonderes.“

Sie schlichen vorsichtig an das Schilf heran. Dort, im flachen Wasser, stand eine Gruppe großer, schneeweißer Vögel mit langen, anmutigen Hälsen. Sie bewegten sich wie im Zeitlupentempo.

„Höckerschwäne“, flüsterte Opa. „Schaut mal, wie sie die Köpfe ins Wasser stecken. Sie suchen nach Pflanzen und kleinen Tieren am Grund. Und wisst ihr, was das Besondere an ihnen ist? Sie verstehen sich mit fast allen anderen Wasservögeln. Wenn sie sich niederlassen, bringen sie Ruhe in die ganze Gruppe.“

Tatsächlich schwammen einige Enten ganz entspannt zwischen den Schwänen umher, als ob sie Freunde wären.

Lina zupfte Opa am Ärmel und zeigte auf einen Vogel, der ganz reglos am Ufer stand. Er war grau, hatte einen langen Hals und einen spitzen, dolchartigen Schnabel. Er sah aus wie eine Statue.

„Ein Graureiher“, sagte Opa. „Schau genau hin, Lina. Er wartet.“

„Worauf?“

„Auf sein Abendessen. Reiher können sich stundenlang nicht bewegen. Sie haben die Geduld eines Detektivs, der auf den richtigen Moment wartet. Und dann … zack!“ Er machte eine schnelle Bewegung mit der Hand. „Schnellen sie mit ihrem Schnabel zu und fangen einen Fisch. Kein Fisch kann sie überlisten.“

Lina fand das spannend. „Der ist wie ein Ninja!“, flüsterte sie.

Opa lachte leise. „Ja, ein Ninja im Schilf.“

Sie saßen noch lange auf einer Bank am Seeufer. Opa zog sein Vogelbuch hervor, und sie schauten sich gemeinsam die Bilder an. Oma verteilte Kekse und schenkte Tee aus der Thermoskanne aus. Die Sonne stand schon tief und tauchte den Himmel in Gold und Rosa.

„Opa“, sagte Felix mit einem Krümel im Mundwinkel, „warum fliegen die Vögel überhaupt in den Süden? Warum bleiben sie nicht einfach hier?“

„Weil es hier im Winter zu kalt ist und der Boden gefriert“, antwortete Opa. „Dann finden sie kein Futter. Also fliegen sie dorthin, wo es warm ist und genug zu essen gibt. Und wenn es hier wieder Frühling wird, kommen sie zurück. Es ist eine alte, uralte Reise, die sie in ihren Knochen spüren. Ein Abenteuer, das jedes Jahr aufs Neue beginnt.“

Lina dachte einen Moment nach. „Und sie haben immer Heimweh? So wie wir, wenn wir im Urlaub sind und uns nach unserem Bett sehnen?“

Opa und Oma sahen sich an und lächelten.

„Genau so ist es“, sagte Oma sanft. „Und deshalb sind wir heute hier. Um sie zu begrüßen, wenn sie nach Hause kommen.“

Als sie später zum Auto zurückgingen, war der Himmel voller Zugvögel. Kraniche zogen in Keilen, Gänse schnatterten laut, und irgendwo klapperte noch einmal ein Storch.

Felix hielt Opas Hand. „Das war die beste Vogel-Party aller Zeiten“, sagte er.

„Und nächstes Jahr“, versprach Opa, „sind wir wieder dabei. Dann erzähle ich euch, wie die kleinen Störche das Fliegen lernen und wie die Schwäne ihre Jungen auf dem Rücken durchs Wasser tragen. Es gibt immer wieder Neues zu entdecken.“

Lina und Felix winkten den Vögeln am Himmel noch einmal zu. Dann fuhren sie nach Hause – müde, glücklich und voller Geschichten über die großen Reisenden, die heute ihre Rückkehr gefeiert hatten.

Macht doch auch mal einen Ausflug nach Frohburg. Es lohnt sich gerade jetzt. Viele Zugvögel mache hier jetzt einen Zwischenstopp auf ihrer Reise in ihre Sommerheimat. Von extra dafür aufgestellten Hochsitzen kann man da die Vögel gut beobachten.

Über Jörg Winkler 51 Artikel
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