Vom armen Schmied zum Lokomotivenkönig. Wie Chemnitz zur größten Fabrikstadt Sachsens wurde

Stell dir vor, du wanderst vor fast 200 Jahren mit nichts als zwei Talern in der Tasche durch die Gegend – und wirst später einmal der reichste und berühmteste Fabrikherr von ganz Sachsen! Genau das ist einem Mann namens Richard Hartmann passiert. Und ohne ihn wäre Chemnitz niemals das geworden, was die Leute bald nannten: das „Sächsische Manchester“ .

1. Ein junger Schmied auf Wanderschaft

Im Jahr 1832 kam ein junger Mann in Chemnitz an. Er hieß Richard Hartmann, war 22 Jahre alt und hatte kaum Geld in der Tasche – nur zwei Taler . Aber er hatte etwas viel Wichtigeres: geschickte Hände und einen klugen Kopf.

Richard war im Elsass geboren und hatte das Handwerk eines Zeugschmieds gelernt. Das ist jemand, der Werkzeuge und Maschinenteile aus Metall schmiedet. Damals war es üblich, dass Handwerksgesellen auf Wanderschaft gingen, um die Welt kennenzulernen und neue Erfahrungen zu sammeln .

In Chemnitz fand er Arbeit bei Carl Gottlieb Haubold, dem damals größten Maschinenbau-Unternehmen der Stadt. Dort arbeiteten schon 200 Menschen . Richard war so fleißig und geschickt, dass er schnell zum Akkordmeister aufstieg – er war also verantwortlich dafür, dass die Arbeit gut voranging.

2. Die erste eigene Werkstatt

Aber Richard Hartmann wollte mehr. Zusammen mit einem Kollegen namens Franz Carl Illing wagte er 1837 den großen Schritt: Sie gründeten eine eigene kleine Werkstatt in der Annaberger Straße .

Mit nur drei Gehilfen begannen sie, Spinnmaschinen zu reparieren . Weißt du, was Spinnmaschinen sind? Damals wurde Kleidung noch nicht im Supermarkt gekauft. Die Stoffe wurden in Fabriken gewebt, und dafür brauchte man riesige Maschinen – und die gingen manchmal kaputt.

Hartmann und Illing reparierten nicht nur, bald bauten sie auch eigene Maschinen. Der Durchbruch gelang Hartmann mit einer besonderen Erfindung: der „Continue“ , ein Vorspinnkrempel, für den er sogar ein Patent bekam . Die sächsische Regierung zeichnete ihn dafür mit der Goldenen Preismedaille aus!

3. Immer größer, immer besser

1840 trennte sich Hartmann von Illing und fand einen neuen Partner. Die Werkstatt wurde in die Augustusburger Straße verlegt, und hier kam schon eine besondere Kraft zum Einsatz: 17 Pferde drehten einen Göpel, um die Maschinen anzutreiben !

Ein Jahr später ging es wieder weiter: In die sogenannte „Klostermühle“ zog die Firma um. Hier gab es jetzt Wasserkraft und sogar eine eigene 12-PS-Dampfmaschine , die Hartmann selbst gebaut hatte . Schon 1842 arbeiteten 200 Menschen für ihn .

1843 führte Hartmann die Firma ganz allein weiter. Und dann, 1845, passierte etwas Schlimmes: Ein Brand zerstörte Teile der Werkstatt . Aber Hartmann ließ sich nicht unterkriegen. Er verlegte einige Werkstätten an die Leipziger Straße – die heute übrigens Hartmannstraße heißt !

4. Der Einstieg in den Lokomotivenbau

Jetzt kommt der spannendste Teil der Geschichte. Hartmann wollte nicht nur Spinnmaschinen bauen, sondern auch Lokomotiven! Zusammen mit einem Ingenieur namens Theodor Steinmetz reiste er 1845 nach England, um dort zu lernen, wie man die besten Lokomotiven baut .

Der sächsische König fand die Idee so gut, dass er Hartmann einen Kredit von 30.000 Talern gab – eine riesige Summe damals !

Und dann ging es los: 1847 begann der Bau der ersten Lokomotive. Im Januar 1848 war sie fertig . Aber jetzt kam ein Problem: Chemnitz hatte noch gar keinen Gleisanschluss! Die Lokomotive musste erstmal teilweise auseinandergebaut, auf Pferdefuhrwerke geladen und nach Leipzig gebracht werden. Erst dort wurde sie wieder zusammengesetzt .

Am 5. Februar 1848 war es dann so weit: Die erste Lokomotive aus Chemnitz, die den Namen „GLÜCKAUF“ trug, wurde der Sächsisch-Bayrischen Staatseisenbahn übergeben !

5. Der Lokomotivenkönig

Die Hartmann-Lokomotiven waren genauso gut wie die teuren englischen Maschinen – aber viel günstiger . Bald wollte jeder eine haben! Die Königlich-Sächsische Staatseisenbahn kaufte die meisten ihrer Lokomotiven aus Chemnitz.

Die Produktion raste geradezu:

· 1858 wurde die 100. Lokomotive fertig 

· 1878 rollte die 1000. Lokomotive aus der Fabrik 

· Insgesamt wurden bei Hartmann bis 1929 4612 Lokomotiven gebaut !

Die Fabrik wuchs und wuchs. 1867 entstand eine riesige Werkhalle, in der man 100 Lokomotiven pro Jahr herstellen konnte . 1870 wurde daraus die Sächsische Maschinenfabrik AG – eine Aktiengesellschaft mit 2,5 Millionen Talern Kapital . Hartmann war Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Die Hartmann-Werke wurden das größte Maschinenbauunternehmen in Sachsen . Und die Lokomotiven fuhren nicht nur in Sachsen, sondern auf Gleisen in der ganzen Welt !

6. Chemnitz wird zum „Sächsischen Manchester“

Durch Hartmann und viele andere Fabriken wurde Chemnitz zur bedeutendsten Industriestadt Sachsens. Die Menschen nannten sie bald das „Sächsische Manchester“ – nach der englischen Stadt Manchester, die damals als die Industriestadt Europas galt.

Was wurde in Chemnitz alles gebaut?

· Lokomotiven bei Hartmann

· Textilmaschinen – also Maschinen für Spinnereien und Webereien

· Dampfmaschinen und Turbinen 

· Werkzeugmaschinen 

· Und natürlich wurden in den Fabriken riesige Mengen an Stoffen produziert

Die Textilindustrie war neben dem Maschinenbau der wichtigste Wirtschaftszweig in Sachsen . In unzähligen Fabriken und Webereien wurden Baumwollstoffe hergestellt, die in ganz Europa verkauft wurden.

Überall in Chemnitz schossen Fabriken aus dem Boden, und die Stadt wuchs rasant. Die reichen Fabrikbesitzer bauten sich prächtige Villen, besonders im Stadtteil Kaßberg. Heute ist der Kaßberg eines der größten zusammenhängenden Gründerzeit- und Jugendstilviertel Europas . Wenn du dort spazieren gehst, siehst du die prachtvollen Häuser, in denen die Industriellen vor über 100 Jahren wohnten.

7. Die Schattenseiten des Fortschritts

So aufregend die Industrialisierung war, sie hatte auch eine dunkle Seite. In den Fabriken mussten oft Kinder arbeiten . Sie waren klein und flink und konnten unter die Maschinen kriechen, um sie zu reinigen oder Fäden zu reparieren.

Besonders in der Textilindustrie war Kinderarbeit weit verbreitet . Viele Kinder arbeiteten in den Baumwollspinnereien oder mussten zu Hause am Webstuhl sitzen und mithelfen . Sie konnten nicht zur Schule gehen wie Kinder heute und hatten oft schwere Arbeit von früh bis spät.

Erst nach und nach wurden Gesetze erlassen, die Kinder schützen sollten. Bis 1938 dauerte es, bis ein richtiges Jugendschutzgesetz kam .

8. Das Ende des Lokomotivenkönigs

Am 16. Dezember 1878 starb Richard Hartmann an den Folgen eines Schlaganfalls . Er wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Johannisfriedhof beigesetzt. Später überführte man seine sterblichen Überreste auf den Neuen Friedhof an der Reichenhainer Straße, wo ein prächtiges Grabmal mit seiner Büste an ihn erinnert .

Sein Unternehmen aber lebte weiter. Die Sächsische Maschinenfabrik blieb lange Zeit das größte sächsische Maschinenbauunternehmen .

9. Was blieb?

Heute kannst du in Chemnitz noch viele Spuren von Richard Hartmann und der großen Industrizeit entdecken:

· Die Hartmannstraße erinnert an den großen Unternehmer 

· Die Hartmannfabrik an der Fabrikstraße ist die letzte noch erhaltene Produktionsstätte. Sie wurde aufwendig saniert und war 2025 das Besucherzentrum der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 

· Im Stadtteil Hilbersdorf gibt es den „Schauplatz Eisenbahn“ auf dem Gelände des alten Rangierbahnhofs. Dort stehen mehr als 30 historische Lokomotiven, und man kann sogar mit einer Feldbahn fahren 

· Im Sächsischen Eisenbahnmuseum erfährst du noch mehr über Hartmann und seine Lokomotiven 

· Überall in der Stadt siehst du die prächtigen Gründerzeitbauten, die vom Reichtum der Industriellen erzählen

Weißt du was? Wenn du einmal in Chemnitz bist, schau dir den Kaßberg an – die Villenviertel mit den verzierten Fassaden. Und besuch den Schauplatz Eisenbahn in Hilbersdorf. Vielleicht siehst du dort sogar eine echte Hartmann-Lokomotive aus der Zeit, als Chemnitz das „Sächsische Manchester“ war!

Vom armen Schmied mit zwei Talern in der Tasche zum Lokomotivenkönig, dessen Maschinen in der ganzen Welt fuhren – das ist die Geschichte von Richard Hartmann und der Stadt, die er zur Industriemetropole machte.

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