Opa Jörg hatte schon weiße Haare aber die besten Geschichten der Welt. Jeden Dienstag kam er zum GTA in die Gebrüder-Grimm-Grundschule zu seinen „Grimmis“
Heute war es wieder so weit. Die „Grimmis“, wie sich die Freunde Mina, Theo, Marla, Mathilda und die anderen nannten, weil sie für die Schülerzeitung recherchierten, saßen mit verschränkten Armen da.
„Also“, begann Opa Jörg und seine Augen blitzten, „wisst ihr, dass ich einen besten Freund habe, der Finn heißt? Er ist ein Finnwal und so lang wie zwei Schulbusse hintereinander!“
Theo seufzte laut. „Opa Jörg, jetzt mal ehrlich. Ein Wal in der Ostsee? Und den rufst du mit einer Trillerpfeife?“
„Einer roten!“, ergänzte Opa Jörg wichtig. „Die hab ich noch von meiner Zeit als Bademeister.“
Ferdinand kicherte. „Bestimmt hast du auch eine Taucherflasche, mit der du unter Wasser atmen kannst!“
„Quatsch“, sagte Sten und verdrehte die Augen. „Er hat bestimmt einen unterseeischen Briefkasten, in den die Wellen die Post bringen!“
Opa Jörg stand auf. Er schien nicht traurig, sondern schmunzelte. „Ihr kleinen Naseweise. Ihr kommt doch von der Gebrüder-Grimm-Schule, der Märchenschule. Und jetzt wollte ihr nur das glauben, was ihr seht, was? Na gut. Dann müssen wir wohl alle zusammen rausfinden, was stimmt.“
Die Grimmis sahen sich an. „Was meinst du?“, fragte Fiona vorsichtig.
„Kommt mit!“, rief Opa Jörg. „Erdgeschoss, Direktorenzimmer, wir brauchen eine Sondererlaubnis für einen Ausflug!“
Am nächsten Morgen war es so weit. Die Sonne schien, als Opa Jörg mit mit den 14 Grimmis im Bus saß. Sie fuhren ganz weit, bis sie die Ostsee erreichten. Es roch nach Salz und Algen, Möwen kreischten und der Wind blies kräftig.
Sie gingen auf einen alten Holzsteg hinaus, der ganz weit ins Wasser ragte. Am Ende blieb Opa Jörg stehen. Er holte tief Luft.
„Jetzt ist es so weit“, sagte er geheimnisvoll.
„Er wird jetzt die imaginäre Trillerpfeife zücken“, flüsterte Theo Willy zu.
Aber Opa Jörg zog tatsächlich eine knallrote Trillerpfeife unter seiner Weste hervor. Sie glänzte in der Sonne. Er setzte sie an die Lippen und pfiff. Es war ein schriller, hoher Ton, der über das Wasser tanzte.
Die Kinder warteten. Nichts passierte. Die Wellen plätscherten.
„Ich wusste es“, fing Jaro schon an.
Da, ganz weit draußen, bewegte sich etwas. Es war kein Schiff. Es war ein dunkler Schatten, der immer größer wurde. Dann, mit einem gewaltigen Platschen, schoss eine riesige Fontäne aus Wasser in die Luft – so hoch wie ein Haus!
Die Kinder trauten sich kaum zu atmen. Aus dem Wasser tauchte ein sanfter, grauer Riese auf. Zuerst sah man den riesigen Kopf, dann den mächtigen Rücken. Der Wal blieb neben dem Steg liegen und schaute Opa Jörg mit seinen riesigen, freundlichen Augen an.
„Finni, alter Freund!“, rief Opa Jörg und tätschelte ihm die feuchte Haut.
Alle standen mit offenen Mündern da. Ihre Knie wurden ganz weich.
„Er… er ist echt“, flüsterte Heleen ehrfürchtig.
„Zwei Schulbusse lang!“, staunte Johannes. „Mindestens!“
Amelija brachte kein Wort heraus, sie nickte nur immer wieder mit dem Kopf.
Opa Jörg drehte sich zu ihnen um und zwinkerte. „Na, ihr Grimmis? Wollt ihr euch nicht vorstellen? Das ist übrigens Finn. Er mag es, wenn man ihm hinter den Ohren krault – naja, da wo bei anderen die Ohren wären.“
Ganz vorsichtig streckten die Kinder die Hände aus und berührten Finns glatte, kühle Haut. Der Wal machte ein leises, glucksendes Geräusch, das sich anhörte wie zufriedenes Schnurren.
„Opa Jörg“, sagte Noursan leise. „Es tut mir leid, dass wir dir nicht geglaubt haben.“
„Wir werden nie wieder sagen, dass deine Geschichten nicht stimmen“, versprach Valentina.
Opa Jörg lachte und schlang seine Arme um die drei Kinder. „Wisst ihr, das ist das Schöne an Geschichten. Manchmal sind sie sogar wahr. Und manchmal braucht man nur eine kleine, rote Trillerpfeife und ganz viel Herz, um das Wunder darin zu sehen.“
Finn der Wal tauchte wieder ab, aber er schlug noch einmal mit seiner großen Fluke aufs Wasser, als würde er zum Abschied winken. Die Grimmis winkten zurück und wussten: Von jetzt an würden sie Opa Jörg bei jeder Geschichte ganz genau zuhören. Denn wenn ein Wal in der Ostsee leben kann, dann war einfach alles möglich.