Opa Jörg wohnte in seinem Urlaub in einem kleinen, windschiefen Haus ganz dicht an der Ostsee. Jeden Morgen, wenn die Sonne den Horizont in goldene und rosa Farben tauchte, stand er am Strand. Er liebte den Geruch von Salz und Algen und das Kreischen der Möwen.
Aber am allermeisten liebte Opa Jörg seinen besten Freund. Das war Finn, ein großer, freundlicher Finnwal. Finn war so lang wie drei Linienbusse und sein Herz war genauso groß. Um Finn zu rufen, benutzte Opa Jörg keine lauten Rufe, sondern seine ganz besondere, knallrote Trillerpfeife. Die hatte einen Ton, der so tief und so besonders war, dass Finn ihn meilenweit unter Wasser hören konnte.
Eines Morgens, der Wind blies ein bisschen kräftiger als sonst, nahm Opa Jörg seine Pfeife in den Mund und trillerte dreimal kräftig hinein: „TRILL-TRILL-TRILL!“
Eine Weile passierte nichts, nur die Wellen plätscherten. Doch dann, hinter der kleinen Schäreninsel, tauchte ein dunkler, glänzender Schatten auf. Mit einem gewaltigen Plopp und einer Fontäne aus Wasser und Sonnenstrahlen erschien Finn vor ihm.
„Moin, Opa Jörg!“, blubberte Finn fröhlich und ließ sich auf den Rücken rollen, sodass sein weißer Bauch in der Sonne glänzte. „Deine Pfeife klingt heute besonders gut!“
„Moin, moin, mein großer Freund“, lachte Opa Jörg und setzte sich auf einen flachen Stein. „Wie geht es dir denn so in deinem nassen Zuhause?“
Doch Finns fröhliche Miene verschwand. Er tauchte wieder richtig ins Wasser und sah Opa Jörg mit seinen klugen, kleinen Augen traurig an. „Gar nicht gut, Opa Jörg. Gar nicht gut. Ich muss dir etwas Schlimmes zeigen. Komm mit!“
Opa Jörg zog seine Gummistiefel aus, krempelte die Hose hoch und watete bis zu den Knien ins Wasser. Dann hielt er sich an Finns großer Rückenflosse fest und los ging die Fahrt, schneller als mit jedem Boot.
Finn schwamm ein gutes Stück hinaus auf die offene Ostsee, vorbei an einer Insel, die Opa Jörg noch nie gesehen hatte. Auf der Insel stand ein großes, eckiges Gebäude aus grauem Beton. Es sah finster aus und aus einem dicken, rostigen Rohr, das direkt vom Gebäude ins Meer führte, plätscherte eine braune, stinkende Flüssigkeit.
„Siehst du das, Opa Jörg?“, fragte Finn und hustete. „Das ist eine neue Fabrik. Die machen da Chemiezeug. Und das braune, stinkende Wasser, das da rauskommt, das schmeckt eklig, es macht die Algen krank und die Fische schwimmen ganz weit weg. Meine Suppe, die Ostsee, wird hier zu einer giftigen Brühe!“
Opa Jörg wurde ganz zornig in seinem Bauch. Nicht laut und schimpfend, sondern leise und fest entschlossen. „So geht das nicht, Finn! Das Meer ist dein Zuhause und das Zuhause von allen Fischen, Krebsen und Muscheln. Die können sich nicht wehren. Aber wir beide, wir könnten das vielleicht!“
Gemeinsam überlegten sie. Einfach das Rohr zustöpseln! Aber womit? Sie brauchten etwas Großes, Schweres, das nicht wieder weggespült werden konnte.
Da hatte Opa Jörg eine Idee. Er kannte den Meeresboden wie seine Westentasche. „Weißt du noch, Finn, die Bucht hinter dem Leuchtturm? Da, wo die alten Findlinge liegen? Die riesigen runden Steine aus der Eiszeit? So einen brauchen wir!“
Finn strahlte. „Ja! Die sind perfekt!“
Also schwammen sie zurück, fanden den größten, rundesten Findling, der wie ein riesiger Fußball aus Stein auf dem Meeresgrund lag. Mit vereinten Kräften schafften sie es. Opa Jörg schob und stemmte sich mit den Füßen dagegen, und Finn schob mit seiner gewaltigen Kraft. Langsam, ganz langsam, rollte der Stein über den Boden.
Es war eine schwere Arbeit. Opa Jörg schnaufte und keuchte, und selbst Finn, der starke Wal, musste sich mächtig anstrengen. Aber sie gaben nicht auf. Zentimeter für Zentimeter schafften sie den Stein bis zur Fabrikinsel.
Dann kam der schwierigste Teil. Sie mussten den riesigen Stein genau vor das Rohr rollen. „Jetzt, Finn! Mit aller Kraft!“, rief Opa Jörg und stemmte sich ein letztes Mal dagegen. Finn gab nochmal alles, sein Schwanz schlug gewaltig aufs Wasser – und mit einem dumpfen, satten PLUMSCH rollte der Findling genau vor die Öffnung des Rohrs und verstopfte es vollständig.
Die braune Brühe hörte sofort auf zu fließen. Ein paar kleine Wellen schwappten dagegen, aber der Stein rührte sich nicht. Er saß fest wie eine Burgmauer.
Kurze Zeit später hörten sie laute, aufgeregte Stimmen von der Insel. Männer in weißen Kitteln und Anzüge kamen angerannt. Sie zeigten auf das verstopfte Rohr und schrien durcheinander. Das Wasser stieg in der Fabrik, weil es nicht mehr abfließen konnte!
Opa Jörg und Finn, die sich hinter einem kleinen Felsen versteckt hatten, kugelten sich fast vor Lachen. Die Männer mussten die Produktion stoppen und sich etwas einfallen lassen.
Und siehe da, nur ein paar Wochen später kamen viele Handwerker auf die Insel. Sie bauten neben der Fabrik ein großes Gebäude mit vielen runden Becken und komischen Maschinen. Eine Kläranlage! Von nun an wurde das schmutzige Wasser erst gereinigt, bevor es ganz sauber wieder ins Meer floss.
Als das erste Mal das klare Wasser aus dem Rohr plätscherte, lagen Opa Jörg und Finn müde, aber glücklich nebeneinander im flachen Wasser. Die Sonne ging unter und tauchte alles in goldenes Licht.
„Das war ein gutes Abenteuer, Finn“, sagte Opa Jörg leise und tätschelte Finns glitschige Haut. „Aber eines ist sicher: So eine Aktion machen wir nicht so schnell wieder. Dafür bin ich dann doch ein bisschen zu alt.“
Finn blubberte leise vor sich hin, was bei Walen so viel wie ein zufriedenes Lachen bedeutet. „Du bist genau richtig, Opa Jörg. Zusammen sind wir ein unschlagbares Team!“
Und während die Sterne am Himmel über der Ostsee zu funkeln begannen, schwamm Opa Jörg, immer noch ein bisschen erschöpft, aber mit einem großen Lächeln im Gesicht, zurück zu seinem windschiefen Haus. Er wusste, sein bester Freund, der Wal, war glücklich – und das Meer war wieder ein bisschen sauberer.