Opa Jörg, Finn und das Geheimnis des Großen Riffs

An der Ostsee, wo der Wind salzig schmeckt und die Möwen laut lachen, stand Opa Jörg am Strand. Er hatte eine ganz besondere Freundschaft – mit Finn, einem riesigen, sanften Finnwal.

Wenn Opa Jörg ihn rief, tat er das nicht mit lauten Worten. Nein! Er nahm seine knallrote Trillerpfeife und pustete kräftig hinein.

Es dauerte nicht lange, da tauchte weit draußen im Meer eine gewaltige Fontäne auf, und Finn, glatt und grau, kam freudig angeschwommen.

„Heute, mein Freund“, sagte Opa Jörg und kletterte auf Finns breiten Rücken, „machen wir uns auf zu einem neuen Abenteuer! Ein ganz besonderes Abenteuer!“

Finn schnaubte zustimmend und schon ging die Reise los. Sie schwammen, so schnell der Wal konnte, über die Weltmeere, vorbei an neugierigen Delfinen und springenden Thunfischen, bis sie endlich in den warmen, türkisblauen Gewässern vor Australien ankamen.

Vor ihnen lag das Great Barrier Reef, das größte Korallenriff der Welt. Es war, als wäre jemand mit einem riesigen Kasten Buntstifte ins Meer gesprungen und hätte ein wundersames Gemälde hinterlassen. Es wimmelte von Leben in allen Farben! Clownfische versteckten sich in ihren Seeanemonen, Papageifische knabberten an Korallen und ein riesiger Schwarm blauer Doktorfische zog wie ein glitzernder Vorhang vorbei.

Dann trafen sie auf Tessa, eine alte, weise Schildkröte. Ihre Augen waren freundlich, und auf ihrem Panzer sah man die Spuren eines langen Lebens.

„Willkommen, Fremde“, sagte sie mit einer Stimme, die nach tausend Gezeiten klang. „Ist es nicht wunderbar? Dies ist meine Heimat, das größte Zuhause der Fische, das es gibt. Hier wurde ich geboren, hier habe ich meine Eier gelegt.“

Opa Jörg und Finn hörten gebannt zu.

„Doch“, fuhr Tessa traurig fort, „meine Heimat ist in Gefahr. Sie wird krank.“ Sie zeigte mit ihrer Flosse auf eine Koralle, die nicht mehr knallorange, sondern weiß und leblos aussah. „Das nennt man Korallenbleiche. Das Wasser wird zu warm, weil sich unser Planet erwärmt. Die Korallen, die eigentlich Tiere sind, werden gestresst und verlieren ihre bunten Mitbewohner, die Algen. Ohne sie sterben sie.“

Sie schwamm ein Stück weiter zu einer Stelle, wo das Wasser etwas trüber war. „Manchmal kommt auch zu viel Dreck vom Land ins Meer. Dünger von den Feldern. Das lässt Algen wuchern, die das Licht für die Korallen wegnehmen.

Opa Jörg war ganz still. Selbst Finn gab nur einen leisen, traurigen Ton von sich.

„Wenn das Riff stirbt“, erklärte Tessa, „verlieren viele Fische, Krebse und ich, die alte Tessa, unser Zuhause. Das ganze große, bunte Wunder könnte eines Tages nur noch ein großer, grauer Friedhof sein.“

Das war ein sehr trauriges Geheimnis für ein so schönes Abenteuer.

„Aber“, fragte Opa Jörg mit belegter Stimme, „können wir Menschen denn nichts tun, um dir zu helfen?“

Ein kleines Lächeln erschien auf Tessas Gesicht. „Oh, aber ja! Jeder kann etwas tun, sogar die Kinder daheim. Ihr könnt darauf achten, weniger Strom zu verbrauchen, denn das hilft, den Planeten kühl zu halten. Schaltet das Licht aus, wenn ihr aus dem Zimmer geht!

Ihr könnt weniger Plastik benutzen, damit kein Müll im Meer landet. Nehmt eine Trinkflasche aus Metall mit in die Schule statt einer Plastikflasche.

Und erzählt allen von der Schönheit des Riffs, so wie ich es euch jetzt erzählt habe. Denn was man liebt, das schützt man auch.“

Opa Jörg nahm einen Meterstab und maß eine große, gesunde Koralle ab. „Genau einen Meter Schönheit“, flüsterte er. „Den werde ich in meinem Herzen bewahren.“

Er versprach Tessa, allen zu Hause von dem wunderbaren Riff und seiner Not zu erzählen. Dann stieg er wieder auf Finns breiten Rücken und sie machten sich auf den langen Heimweg.

Als Opa Jörg abends in seinem Lehnstuhl saß, dachte er an das bunte Riff, an die alte Tessa und an ihre Worte. Er nahm seine rote Trillerpfeife und hielt sie fest in der Hand. Sie war nicht nur ein Ruf an seinen Freund Finn. Sie war jetzt auch ein Versprechen – ein Versprechen, ein wenig lauter für die stille, wunderbare Welt unter den Wellen zu trillern.

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