Opa Jörg und der Ruf des Finnwals

An der Steilküste der Ostsee, wo die Möwen kreischen und der Wind salzige Geschichten erzählt, stand Opa Jörg. In seiner Hand blinkte eine knallrote Trillerpfeife. Er hob sie an die Lippen und pustete – nicht schrill und laut, sondern in einem besonderen Rhythmus: Trill-trill-trill… Pause… Trill-trill!

Das war sein geheimer Walruf.

Johanna, seine Enkelin, die neben ihm stand, hielt den Atem an. „Kommt er wirklich, Opa?“

„Warte ab, Kleine“, lächelte Opa Jörg, seine Augen blitzten wie die Sonne auf dem Wasser.

Plötzlich teilte sich die glatte Wasserfläche. Zuerst sah Johanna nur einen feinen Nebel aus Atemluft, dann eine riesige, graue Rückenflosse, die sanft durch die Wellen glitt. Es war Finn, der Finnwal, so lang wie ein Schulbus und so sanft wie ein Riese im Schlaf.

„Jörrrrg!“, ertönte eine tiefe, singende Stimme, die aus dem Wasser zu kommen schien. Finn hatte seine eigene Sprache, aber Opa Jörg verstand ihn perfekt.

„Finn, mein Freund! Das ist meine Enkelin Johanna.“

Der Wal neigte seinen gewaltigen Kopf. „Willkommen, kleine Landgängerin.“ Johanna war sprachlos vor Ehrfurcht.

Doch dann wurde Finns Stimme traurig. „Ich bin nicht nur zum Plaudern gekommen, Jörg. Die Geisternetze… sie werden schlimmer.“

„Geisternetze?“, flüsterte Johanna.

Opa Jörg setzte sich auf einen Stein und nahm sie auf den Schoß. „Finn, erzähl es uns.“

Der Wal erzählte mit seiner brummenden Stimme: „Geisternetze sind alte Fischernetze, die im Meer verloren gegangen sind. Sie treiben unsichtbar im Wasser wie böse Gespenster. Sie kommen von Fischerbooten, manchmal reißt ein Sturm sie fort, manchmal gehen sie einfach verloren.“

„Und warum sind sie so schlimm?“, fragte Johanna.

„Weil sie nicht aufhören zu fischen“, seufzte Finn. „Eine Robbe kann sich darin verfangen und nicht mehr auftauchen. Ein neugieriger Schweinswal schwimmt hinein und findet keinen Ausweg. Selbst ich, groß wie ich bin, kann mich in den starken Schnüren verheddern. Sie ersticken Korallen und schaben Muscheln vom Grund. Sie sind eine stille Gefahr.“

Johanna spürte einen Kloß in der Kehle. „Das ist traurig.“

Opa Jörg strich ihr über den Kopf. „Traurig, ja. Aber wir können etwas tun! Finn, wo siehst du sie?“

„In der Bucht hinter der langen Mole treibt eines. Es ist in Seegras verheddert.“

„Dann gehen wir hin!“, rief Opa Jörg entschlossen. „Johanna, hol den großen Enterhaken und die Handschuhe aus der Hütte!“

So begann ihre Mission. Opa Jörg paddelte mit seinem kleinen, stabilen Boot hinaus, Johanna saß vorn mit einem Haken. Finn schwamm nebenher und zeigte mit seiner Flosse die Richtung.

„Dort!“, sang Finn, als sie die Bucht erreichten. Unter der Wasseroberfläche schimmerte etwas Grünlich-Graues – ein großes, zerrissenes Netz, gefangen im Seegraswald.

Vorsichtig zog Opa Jörg das Netz mit dem Haken Stück für Stück hoch. Es war schwer und glitschig. Johanna half, wo sie konnte, und zog mit Handschuhen kleine Teile ins Boot. Manchmal waren Steine oder Muscheln darin gefangen, die sie behutsam befreiten.

Finn half von unten. Mit seiner breiten Stirn schob er vorsichtig große Teile des Netzes in Richtung Boot, damit Opa Jörg sie greifen konnte. „Vorsicht, eine Krabbelfamilie ist im rechten Zipfel!“, warnte er, und Johanna befreite vorsichtig drei Krabben, die erschrocken ins Wasser plumpsten.

Die Arbeit war mühsam, aber sie lachten und fühlten sich wie echte Retter. Nach einer Stunde war das ganze Geisternetz an Bord – eine nasse, aber gefährliche Last.

Zurück am Strand zogen sie das Netz mit vereinten Kräften an Land, weit weg von der Küste. „Hier kann es keinem Meerestier mehr etwas antun“, sagte Opa Jörg erleichtert.

Finn tauchte noch einmal auf und spritzte einen freudigen Wasserstrahl in die Luft. „Danke, meine Freunde! Ein Gespenst weniger in meinem Zuhause.“

Johanna kniete sich ans Wasser. „Wir werden weiter aufpassen, Finn!“

Der Wal nickte mit seinem riesigen Kopf. „Das weiß ich. Und wenn ihr Hilfe braucht…“ Er zwinkerte mit einem dunklen, klugen Auge. „…pfeift einfach.“

Mit einem letzten sanften Schlag seiner Flosse verschwand er in den Tiefen der Ostsee.

Opa Jörg legte den Arm um Lena. „Jedes geborgene Netz ist ein Sieg, Johanna. Die Ostsee atmet auf.“

Johanna sah auf das große Netz am Strand und dann auf das weite Meer. Sie fühlte sich groß und wichtig. Sie wusste: Sie würden wiederkommen. Mit der roten Trillerpfeife, dem großen Enterhaken und einem großen Herzen für ihre Unterwasserfreunde.

Denn zusammen waren sie stärker als jedes Gespenst im Meer.

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