Opa Jörg und die gefangene Nixe

An einem sonnigen Morgen schwamm Opa Jörg mit seinem Freund Finn, dem freundlichen Wal, durch das glitzernde Wasser der Ostsee. Plötzlich hörten sie eine traurige Stimme, die wie das Klingen von Meeresglocken klang.

„Finn, hörst du das auch?“, fragte Opa Jörg und strich über die glatte Haut des Wals.

Finn nickte mit seinem großen Kopf und schwamm in Richtung der Stimme. Dort, auf einem einsamen Felsen, saß eine kleine Nixe mit schimmernden Schuppen und blauem Haar. Ihre Flosse glänzte im Sonnenlicht, aber sie wirkte traurig.

„Hallo kleines Meerjungfräulein“, sagte Opa Jörg sanft. „Warum weinst du?“

„Ich bin Maris“, schluchzte die Nixe. „Die böse Meerhexe hat mich auf diesen Felsen gezaubert. Ich kann nicht ins Wasser zurück und nicht nach Hause zu meiner Familie schwimmen.“

Finn stieß einen besorgten Ton aus und Opa Jörg runzelte die Stirn. „Das können wir nicht zulassen! Wie können wir dir helfen?“

„Der große Seedrache Grimbart bewacht mich. Er ist eigentlich gar nicht böse, aber die Meerhexe hat ihn verzaubert. Nur wenn ihr seine drei Rätsel löst, wird der Zauber gebrochen.“

Kaum hatte Maris diese Worte gesprochen, tauchte neben dem Felsen eine riesige, aber traurig aussehende Kreatur auf. Grimbart der Seedrache hatte schuppige grüne Haut und große, freundliche Augen, die jedoch vor Kummer getrübt waren.

„Wer wagt es, sich der Gefangenen zu nähern?“, brummte Grimbart, aber seine Stimme klang nicht wütend, sondern müde.

„Wir sind Opa Jörg und Finn, und wir möchten Maris helfen“, antwortete Opa Jörg mutig.

„Dann müsst ihr meine drei Rätsel lösen“, seufzte der Drache. „Die Meerhexe hat mich gezwungen, sie zu stellen. Wenn ihr sie richtig beantwortet, bin ich von ihrem Zauber befreit und Maris kann gehen.“

Das erste Rätsel

Der Drache fragte:“Wenn du mich brauchst,
wirfst du mich weg. Wenn du mich nicht mehr brauchst, holst du mich zurück.
Was bin ich?“

Opa Jörg dachte nach. Etwas wegwerfen, wenn man es braucht und zurückholen, wenn nan es nicht mehr braucht? Da flüsterte Finn ihm etwas ins Ohr. „Ah!“, rief Opa Jörg. „Will man ein Schiff auf einem Platz halten braucht man einen Anker den man ins Wasser wirft. Will man weiterfahren muss nan ihn wieder herauf holen.“

Grimbart nickte und ein wenig von der Traurigkeit verschwand aus seinen Augen. „Richtig. Ein Rätsel ist gelöst.“

Das zweite Rätsel

„Du siehst mich stets bei Sonnenschein,
am Mittag bin ich kurz und klein.
Ich wachse bei Sonnenuntergang,
was bin ich?“

Diesmal überlegte Opa Jörg länger. Maris rief leise: „Sieh auf das Wasser!“ Opa Jörg blickte auf das Wasser und dann auf sich. „Natürlich! Der Schatten! Einen Schatten wirft man nur, wenn die Sonne scheint. Wenn die Sonne mittags am höchsten steht, ist er ganz kurz und wenn sie unter geht, wird er immer länger.“

Wieder nickte der Drache und jetzt lächelte er sogar ein wenig. „Zwei Rätsel gelöst. Noch eines bleibt.“

Das dritte Rätsel

„Was kann laufen, aber nicht gehen? Hat ein Bett, aber schläft nie? Hat einen Mund, aber isst nicht?“

Finn gab einen nachdenklichen Ton von sich und Opa Jörg kratzte sich am Kopf. Dann sah er, wie eine kleine Welle den Felsen umspülte. „Ein Fluss!“, rief er. „Ein Fluss läuft, aber geht nicht. Sein Flussbett ist sein Bett, aber er schläft nie. Und seine Mündung ist ein Mund, der nicht isst!“

In diesem Moment geschah etwas Wunderbares. Grimbart der Drache strahlte in hellem Licht und seine Augen leuchteten vor Freude. „Der Zauber ist gebrochen! Danke, Opa Jörg und Finn!“

Auch um Maris‘ Flosse begann es zu glitzern. Sie rutschte vom Felsen und tauchte ins Wasser. „Ich kann wieder schwimmen!“, jubelte sie und machte eine kunstvolle Pirouette.

„Die Meerhexe wird wütend sein, wenn sie das merkt“, sagte Grimbart. „Ihr solltet schnell von hier verschwinden.“

„Komm mit uns!“, schlug Opa Jörg vor. „Du bist jetzt frei.“

So schwammen sie alle zusammen davon: Maris die Nixe, Grimbart der Drache, Finn der Wal und Opa Jörg auf Finns Rücken. Als sie in sicherer Entfernung waren, drehte sich Maris um. „Danke, dass ihr mich gerettet habt. Jetzt kann ich nach Hause zu meiner Familie.“

„Besuch uns doch mal wieder!“, rief Opa Jörg.

„Das werde ich bestimmt!“, versprach Maris und tauchte mit einer eleganten Bewegung in die Tiefe. Grimbart entschied sich, bei Opa Jörg und Finn zu bleiben, denn er hatte neue Freunde gefunden.

Und so hatten Opa Jörg und Finn nicht nur eine Nixe gerettet, sondern auch einen neuen Freund gewonnen. An diesem Abend saß Opa Jörg auf seiner Terrasse am Ostseestrand, blickte auf das Meer und lächelte. Irgendwo da draußen schwamm Maris glücklich mit ihrer Familie, und Grimbart und Finn spielten zusammen im Mondlicht.

Eine neue Geschichte war zu Ende gegangen, aber das Abenteuer der Freundschaft dauerte für immer an.

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