Weit im Osten Europas, wo die Wälder tief und verschneit sind und die Winter so kalt sind, dass die Luft glitzert, da wohnt Ameliia. „Heute ist ein ganz besonderer Tag. Es ist der 31. Dezember! Wir feiern heute Jolka!“, ruht Ameliias Papa und trägt einen riesigen, duftenden Tannenbaum in die Stube.
„ Jolka?“, fragt Ameliia. „Das ist doch unser Weihnachtsbaum, oder?“
„Ja, mein Schatz“, erklärt die Mama. „Aber bei uns in Russland ist die Jolka das Herzstück unseres Silvesterfestes! Weil wir Weihnachten nach dem alten julianischen Kalender später feiern, ist für uns der Silvesterabend der magischste Abend, an dem der Großvater Frost die Geschenke bringt.“
Ameliia hilft ihrem Papa, den Baum aufzustellen. Er ist so hoch, dass er fast die Decke berührt. Dann holt Mama eine große Kiste hervor. Drin glitzert und funkelt es!
„Warum schmücken wir den Baum denn mit einer Spinne?“, fragt Ameliia und hält einen glitzernden Anhänger in Form einer Spinne hoch.
Oma setzt sich zu ihr und lächelt. „Ah, das ist eine alte Geschichte. Vor langer, langer Zeit war eine arme Familie so traurig, weil sie keinen Schmuck für ihren Jolka-Baum hatte. In der Nacht spannen freundliche Spinnen glitzernde Netze über die Zweige. Als die Familie am Morgen aufwachte, war der Baum mit silbernen und goldenen Fäden bedeckt. Seitdem bringen Spinnenanhänger Glück!“
Gemeinsam schmücken sie den Baum. Ganz oben setzt Ameliia einen großen, roten Stern auf. „Der steht für den Stern von Bethlehem“, sagt Papa. „Er weist allen den Weg zur Freude.“
Plötzlich schellt es an der Tür! Ding-dong-dong!

Ameliia rennt zur Tür und reißt sie auf. Draußen stehen zwei wundersame Gestalten! Ein großer, alter Mann mit einem langen, weißen Bart, einem prächtigen blauen Mantel und einem Zepter in der Hand. Und neben ihm ein wunderschönes Mädchen in einem silberblauen Kleid und einem Kokoschnik, einer Art Krone oder Haube.
„Großvater Frost!“, flüstert Ameliia ehrfürchtig.
„Und ich bin Snegurotschka, das Schneemädchen, seine Enkelin!“, sagt das Mädchen mit einer Stimme, wie klingender Schnee.
Großvater Frost lacht tief und herzlich. „Guten Abend, kleine Ameliia! Wir sind gekommen, um mit euch Jolka zu feiern! Könnt ihr auch ein Gedicht für uns aufsagen?“
Das ist die Tradition! Ameliia hat wochenlang geübt. Sie stellt sich gerade hin und sagt ein kleines Gedicht über den Winter auf. Großvater Frost nickt zufrieden.
„Ausgezeichnet!“, ruft er. „Und nun… wo habe ich nur mein Geschenk für dich versteckt?“
Alle lachen und suchen. Snegurotschka zwinkert Ameliia zu und zeigt mit dem Kopf zum Baum. Da! Unter den dichten, grünen Ästen lugt etwas Hölzernes hervor. Anja kriecht hin und zieht ein wunderschön bemaltes Spielzeug hervor – eine Matrjoschka-Puppe!
„Vielen Dank, Großvater Frost!“, ruft sie und umarmt ihn fest.

Dann setzen sich alle zum Festessen an den Tisch. Es gibt Olivier-Salat, Pelmeni und einen besonderen Kuchen namens „Tschak-Tschak“.
Um Mitternacht, stoßen alle mit Sektgläsern an, die Kinder natürlich mit Saft, und wünschen sich alles Gute, Glück und Gesundheit für das neue Jahr.
Als Ameliia später müde, aber glücklich im Bett liegt, schaut sie zum Fenster hinaus. Der Schnee füllt leise. Sie denkt an Großvater Frost, Snegurotschka, die glitzernde Jolka und an die Geschichte mit der Spinne.
Das Jolka-Fest, denkt sie, ist wie ein großer, warmer, funkelnder Lichterkreis mitten im kalten Winter. Ein Fest der Familie, der Wünsche und des Glaubens an Wunder.
Und mit diesem Gedanken schläft sie lächelnd ein, bereit für ein wunderbares neues Jahr.
Einfach erklärt: Was ist das Jolka-Fest?
· Jolka (Ёлка) ist das russische Wort für Tanne. Gemeint ist aber das ganze Silvester- und Neujahrsfest, das um diesen Baum gefeiert wird.
· Wann? Am 31. Dezember und in der Nacht zum 1. Januar.
· Wer bringt die Geschenke? Nicht das Christkind, sondern Großvater Frost (Дед Морос) mit seiner Helferin, dem Schneemädchen, Snegurotschka (Снегурочка).
· Was macht man? Man schmückt den Jolka-Baum, isst leckeres Essen, sagt Gedichte für Großvater Frost auf, um Geschenke zu bekommen, und feiert um Mitternacht den Start ins neue Jahr.
Es ist also wie Weihnachten und Silvester in einem großen, fröhlichen Fest!